Scheinbar geistesabwesend stand sie am Fenster und betrachtete die Stadt im Sonnenuntergang. Das knisternde, kalte Licht der Neonröhren verbreitete im
Zimmer ehr Dunkelheit anstatt es zu erhellen.
Hinter ihrer Stirn pochte ein dumpfer Schmerz, der jedoch seit dem Aufprall merklich nachgelassen hatte.
Nichts desto trotz erinnerte er sie erneut an den Kampf EVA-00/01 gegen den 7. Engel.
- Rückblick -
Nachdem der erste Angriff auf Israfel mit EVA-02 mißlang, war neben Sub-Kommandant Fuyutsuki's auch Major Katsuragi's Geduld mit dem Second Children am Ende, was durch die
Unfähigkeit Asukas, sich mit Shinji im Team zu der von Kaji bereitgestellten Musik zu bewegen, nur noch bekräftigt wurde. Zwar versuchte Shinji Asuka noch zu trösten - ihm
gefalle die Musik nicht - doch die anschließende Demonstration zusammen mit dem First Children bewies etwas anderes.
Kurzentschlossen teilte Misato die beiden für den Synchronkampf am folgenden Tag ein, da sich NERV - so Kommandant Ikari - nicht noch solch eine öffentliche Blamage leisten könne. Anders als Rei wollte Shinji noch zum Widerspruch ansetzten,
welchen Major Katsuragi jedoch mit einem strafenden Gesichtsausdruck entkräftete.
Shinji ging die Zerrissenheit Asukas ziemlich nahe; er hatte sie noch nie weinen sehen. Doch wie üblich hatte er im letzten Moment nicht den genügenden Mut, trostspendende Worte zu formulieren und verbrachte den Rest des Abends in seinem Zimmer.
"BAKA, was hörst du da eigentlich!?!?" - Shinji konnte die Worte Asukas, die plötzlich neben seinem Bett stand, zwar nicht hören; wußte aber genau um deren Inhalt.
Ihr Gesichtsausdruck verriet alles.
"Asuka-san! In meinem ... !? ... Uhm ... äh ..."
Zu spät. Sie riß ihm die Kopfhörer von den Ohren, um daraufhin heftig loszuschimpfen
"Was fällt dir ein, mich vor Misato und dem Idiotentrio mit dieser
First bloßzustellen!?"
Sie sprach das Wort so aus, daß selbst dem kältesten Kommandanten ein Schauer über den Rücken gelaufen wäre.
"Uhm ... Ayanami und i ..."
Der Anblick eines zuckenden Nervs auf Asukas Schläfe verhieß nichts gutes und brachte ihn zum Verstummen. Shinji wußte genau, was folgen würde und zog deshalb die
Unterarme schützend vor sein Gesicht - es war beinahe zu einem Reflex geworden. Doch die erwartete Reaktion blieb aus, statt dessen nahm - nein, riß Asuka die Hopfhörer an sich
und lauschte.
"Ich frage dich nicht noch mal; was hörst du dir eigentlich ständig für einen Scheiß an!?!?"
"Uhm ... äh ... das ist Hendrix ... Jimi Hendr..."
"Waaaas??? Noch nie gehört!!! ANTA BAKA !? Kein Wunder, daß das vorhin mit
dir nicht geklappt hat, bei diesem ******** !!!" [zensiert - der Verfasser]
Shinji traute sich noch immer nicht, seine Deckung aufzugeben. Erst als er hörte, wie die schluchzende Asuka das Zimmer verließ, fühlte er sich wieder sicher und lockerte seine
verkrampfte Stellung.
<Ich hab' doch nur das gemacht, was man mir gesagt hat.>
Gedankenversunken lag er auf seinem Bett und blickte zur Zimmerdecke. Asuka hatte in ihrem Trotz das Licht gelöscht, doch Shinji war in dem Moment dankbar dafür.
Das wabernde Gefühl der Müdigkeit hüllte ihn wie eine Wolke ein und ließ jeden einzelnen Muskel schmerzhaft spürbar werden.
<... hätte ich mich mit Absicht verstellen sollen?>
<Dann würde sie jetzt nicht weinen.> antwortete sein Unterbewußtsein.
Er hatte zu oft diese - seine eigene - Stimme gehört, um jetzt noch überrascht zu wirken.
<Ich kann nun mal nicht anders, als Menschen unglücklich zu machen!>
<Meinst du, die Menschen sind nicht glücklich darüber, daß du die Engel tötest?>
<Wie kann man glücklich darüber sein, ein Lebewesen umzubringen!?>
<Sie sind unsere Feinde.>
<Engel. Es sind Engel, und außerdem ... werden sie von EVA getötet, nicht von mir!>
<Du steuerst EVA.>
<Weil man ... es mir befiehlt. Weil Menschen es mir befehlen!>
<Und wenn du es nicht tust?>
<Dann macht es ein anderer.>
<Ayanami?>
Shinji erschrak.
<Nein! Ich ... ich will nicht, daß Otousan sie ... verletzt!
<Tut er das?>
<Ja! ... nein, aber ... er hätte sie gegen den 3. Engel eingesetzt, dabei wäre sie umgekommen!>
<... wenn du nicht gewesen wärst.>
<Hai.>
<Warum meinst du, hat sie dich gegen den 5. Engel beschützt?>
<Weil man es ihr befohlen hat ... EVA-01 zu schützen.>
<Bist du dir sicher?>
<Nein ... ich weiß nicht ... ich kann nicht mehr ...>
Shinji öffnete die Augen. Schweißtropfen standen auf seiner Stirn.
Schließlich nahm er die Kopfhörer, die Asuka in ihrer Wut auf den Boden geworfen hatte, und schaltete Lied 26 auf der CD ein - "Bleeding Heart".
- Ende Rückblick -
Der Kampf war wie erwartet absolut synchron verlaufen. Einzig der starke Rückstoß des Fußtrittes mit EVA-00 bescherte ihr einen leichten Stoß an den Kopf. Doch da war noch mehr.
Allein schon die Erinnerung daran, wie sie das für diesen Zweck am Prototyp nachgerüstete Prog-Messer in das Herz des Engels bohrte, ließ einen tiefer sitzenden
Schmerz erneut aufstechen. Sie stöhnte leise.
<Warum töten wir die Engel?> fragte sie sich.
Ihr Unterbewußtsein, falls es so etwas gab, antwortete mit der logischen Gegenfrage:
<Warum greifen sie die Menschen an?>
Doch wie so oft in letzter Zeit fühlte sie sich nicht in der Verfassung, den Gedanken weiterzuspinnen, da sie wußte, wo alles Enden würde.
<Warum
bin ich?>
Auch das Klingeln an der Tür konnte sie nicht vollständig aus ihren Gedanken reißen.
"Wer ist da?", rief sie leise, kaum hörbar für den Besucher.
Doch er hatte sie verstanden:
"Ayanami!? ... äh ... ich bin ... hier ist Shinji Ikari." Ihren Namen hatte er fast geschrieen, während er danach immer leiser wurde.
"Ikari-kun.", flüsterte sie.
<Warum sorgt er sich um mich?> [Bezug auf die Situation nach dem Kampf gegen den 5. Engel - der Verfasser]
<Warum sorgst du dich um ihn?> fragte die Stimme erneut.
Ihre Augen weiteten sich plötzlich, doch als das Schweigen unangenehm lang zu werden begann, machte sich Shinji wieder bemerkbar.
"Uhm ... darf ich ... äh ... reinkommen?"
"Hai."
Die Tür öffnete sich langsam. Shinji lugte um die Ecke, und erst als er Rei bekleidet am Fenster stehen sah, wagte er ihre Wohnung zu betreten. Sein Blick schweifte über den
Raum, der diesmal im Vergleich zu seinem ersten Besuch relativ aufgeräumt schien.
<Sie lebt so einsam. Wie gerne würde ich auch so ...> sein Blick verfing sich an der immer noch zum Fenster hinausschauenden Rei.
Er trat näher.
"Ayanami."
Sie drehte sich entgültig herum und sah ihm in die weit geöffneten Augen.
"Ikari-kun."
Erst nach endlos erscheinenden Sekunden bemerkte Shinji, daß sein Blick ebenfalls wie gebannt auf Rei's Augen verharrte, woraufhin er in der üblichen Panik anfing, seine Anwesenheit
zu begründen.
"Äähhh ... Misasto-san ... und ... Ritsuko-san ... uhm ... Toji ..."
Er stammelte ehr lautstark, als wirklich Sinnvolles zu berichten.
Doch diesmal verschwand sein Schamgefühl schneller als das letzte mal. Er holte noch einmal tief Luft und begann schließlich in ungewohnt beherrschter Ruhe zu erzählen.
"Major Katsuragi, Dr. Akagi und Herr Ryouji haben vorgeschlagen, heute Abend französisch Essen zu gehen. Wegen dem Sieg über den Engel. Asuka ... kommt auch.
Du bist herzlich eingeladen."
Misato und Ritsuko hatten es wieder einmal so hingebogen, daß Shinji Rei abholen sollte.
Rei sprach nach einer gewissen Pause vollkommen unvermittelt
"Hai. Aber ... ich mag kein Fleisch."
"Ach so ... ähm ... wir essen natürlich ... vegetarisch.", begann Shinji. Doch er wußte, daß ihr Gespräch, wenn man es so nennen konnte, hiermit beendet war.
"Äh ... ich ... geh' dann ... jetzt. Kommst du mit?"
"Hai." Ihre Antwort klang kalt wie die auf den Befehl eines Offiziers. Ruhig. Fremd.
Sie hatte sich erst vor einer halben Stunde ausgiebig geduscht, war daher mit frischen Sachen bekleidet und brachte Shinji nicht in die Verlegenheit, vor der Tür auf sie warten zu müssen.
<Asuka kommt auch mit.> wiederholte sie seine Worte in Gedanken.
<Warum kann sie mich nicht leiden?>
<Sie haßt dich nicht. Sie mag nur
etwas an dir nicht. Etwas, daß keiner leiden kann.>
<Auch Ikari nicht?>
Das Klacken, als Shinji die Tür schloß, riß sie endgültig aus den Gedanken. Doch eine Antwort würde ihr das Gewissen schuldig bleiben.
* * *
Die Fahrt zum Restaurant in Misato's Wagen war ein Alptraum. Während sich Ritsuko derart krampfhaft auf dem Beifahrersitz festkrallte, daß sich die Haut um ihre Handgelenke
weiß färbte; steckten Asuka, Kaji, Shinji und Rei (in der Reihenfolge) wie Heringe auf der Rückbank.
Nach und nach schuf sich Asuka ihren Platz, während Shinji und Rei widerspruchslos gegen die Tür gepreßt wurden. Kaji war gut damit beraten, während dieser Situation lieber nichts zu sagen ...
* * *
Es sollte noch lange dauern, bis das Essen kam; also gedachten Misato, Ritsuko und Asuka, sich noch mal "frisch" zu machen; Kaji mußte außerdem auch mal ...
Und wieder waren sie allein.
Schließlich war es Shinji, der das Schweigen unterbrach:
"Äähh ... Ayanami, ... ich habe mich gefragt, warum du ... kein Fleisch ... du weißt schon ..."
"Der Kommandant verbietet es.", unterbrach sie sein Gestammel.
Es dauerte einige Zeit, bis er wirklich den Inhalt von Rei's Worten begriff.
<Otousan ... der Abend hat so schön angefangen>, dachte er.
Jetzt war alles wieder zerstört. Wie früher. Shinji's aufkeimender Haß auf seinen Vater machte sich diesmal als Gefühl der Übelkeit breit, und Rei schien es zu bemerken.
Sie mußten keine Worte mehr wechseln, um einander zu verstehen.
"Ach so ... ähm ... aber du solltest wissen, daß es einfach vorzüglich schmeckt." bemerkte er nach einer Weile mit einem breiten Grinsen. Eine Reaktion, mit der er sich und
seine momentanen Gefühle zwar selbst betrog, aber zumindest die entstandene Kluft zwischen ihm und Rei bezüglich Gendo überbrückte.
"Da bin ich wieder!" - unterbrach Kaji die angespannte Stimmung.
<Typisch, die Frauen brauchen wie immer länger>
"Habt ihr euch schon entschieden, was ihr nehmt?"
Das bedrückende Schweigen der beiden schien Kaji's Frage auf der Stelle zu beantworten. Sie hatten mit keiner Seele an Essen gedacht.
"Ich nehm' was Vegetarisches.", antwortete Shinji unvermittelt und kurzentschlossen; Rei wegen.
Kaji runzelte die Stirn, so daß man eindeutig ein Fragezeichen erkennen konnte.
"Und du, Rei-san?"
"Nr. 46."
<Ein Wunder, daß es die drei doch noch geschafft haben, bis ihr Essen kommt>, dachte Kaji spöttisch, als sich Misato, Ritsuko und Asuka wieder zu ihnen gesellten.
"Rit-chan, rutschst du bitte ein bißchen?" griente er, um sich darauf zwischen sie und Misato zu zwängen. Ritsuko gab ein verstohlenes Lächeln preis, während Misato ihren 'Zieh-Leine, Idiot'-Gesichtsausdruck blicken ließ.
"Wann kommt denn unser Essen endlich!?", murrte Asuka; unüberhörbar für die Bedienung.
"Nicht so hastig, ich seh's doch schon kommen.", beschwichtigte Kaji.
"Güten Abend, meine Damen un 'Erren. Wer bekommt den Salatteller?" - der Ober sprach, als kniffe ihm die Hose. Misato hielt an sich, beinahe wäre sie geplatzt. Diesmal war es Shinji, der sie mit seinem Gesichtsausdruck tadelte.
"Ähm ... ich glaube, das ist für mich.", meldete er sich.
Nachdem nun fast alle mit Essen versorgt waren - unglaublich, Misato verlangte nach Pommes zu ihrem Hummer - fehlte nur noch die Mahlzeit auf Rei's Platz.
"So, ünd 'ier noch der'inderbraten; güten Appetite."
"Unmöglich, sie sind hier bestimmt am falschen Tisch!", platzte Asuka.
"Nein, schon richtig.", gab Rei kleinlaut zu; wobei sie ein winziges Lächeln auf ihren Lippen hatte, welches Shinji galt und auch nur ihm auffallen konnte.
Allen, sogar Asuka, blieb der Mund offen stehen, während Rei begann, ihr Gericht zu bearbeiten.
Sie hatte den Braten zur Hälfte verputzt, als die anderen merkten, daß ihre vollen Teller schon kalt zu werden begannen.
* * *
Ritsuko war ihr auf die Damentoilette gefolgt.
"Ich dachte, Kommandant Ikari hat es dir ausdrücklich verboten?" wurde Rei in gelassen kaltem Tonfall zur Rede gestellt.
"Hai. Gomen."
Ritsuko runzelte die Stirn, um nach kurzem Überlegen fortzufahren:
"Komm, zeig mir deinen Arm."
Rei gehorchte und krempelte den linken Ärmel bis zur Schulter auf.
"Keine Sorge. Es tut nicht weh."
Ritsuko hätte sich die Aussage sparen können. Sie wußte, daß sich Rei wie immer fügten würde.
* * *
"Da bist du ja endlich, Ritsuko-san."
Asuka ließ bewußt Rei's Namen aus.
"Wir haben schon auf Ayanami und dich gewartet.",
versuchte Shinji zu verbessern.
<Irgendwas ist da jetzt abgelaufen.> dachte Misato.
Sie vergaß für einen Moment jede Feindschaft und warf Kaji einen fragenden Blick zu. Sie schien nicht als Einzige bemerkt zu haben, daß Ritsuko's zuvor ungewohnt heitere Stimmung verflogen war und der üblichen Eiseskälte platz machte.
"Stimmt was nicht, Rit-chan?", fragte Kaji scheinheilig.
"Schon okay, ich hab' wohl doch nur ein bißchen zu viel gegessen."
Misato war zwar mit der Antwort noch lange nicht zufrieden gestellt, verschob die Diskussion jedoch auf später.
* * *
Es war schwül. Das schrille Gezirpe der Zikaden war durch deren wachsende Anzahl zu einem übergangslosen, gleichmäßigen Rauschen geworden, was er durch die tagtägliche
Präsenz gar nicht mehr wahrnahm.
<Es werden von Jahr zu Jahr mehr>
Er konnte nicht einschlafen. Er wollte es nicht. Zwar schob er den Grund dafür auf das Hungergefühl, das sich langsam ausbreitete - der Salat hatte ihn nicht wirklich gesättigt -
aber da war noch etwas anderes. In der Hoffnung, nicht wieder alptraumhafte Kindheitserinnerungen oder Diskussionen mit seinem Unterbewußtsein heraufzubeschwören, stand er
schließlich auf, um sich aus der Küche noch etwas gegen seinen Hunger zu hohlen. Selbst wenn die Straßenlampen die Wohnung nicht in ein dämmeriges Grau gehüllt
hätten, würde er den Kühlschrank zielsicher finden. Zu oft in den letzten Nächten hatte er den Weg beschritten, so daß ihn dieser jetzt wie ein unsichtbarer
Trampelpfad zum Ziel leitete.
Auf dem Rückweg hielt er vor Asuka's Zimmer inne.
<Verschlossen, diesmal.>
Vorsichtig legte er sein Ohr an die Tür und lauschte.
<Nichts. Wenigstens
sie kann heute ruhig schlafen.>
Es war so unwirklich ruhig, daß jedes noch so leise Geräusch wie eine Explosion wirkte. Jetzt hörte er sogar Asukas Atmen durch die Tür; Misatos weiter entferntes, leises
Schnarchen sowie das Perlen der Kohlensäure in der von ihr nicht ganz geleerten (!) Bierdose. Er befand sich durch die wärmende Welle der Müdigkeit, die ihn einzuhüllen
begann, in einem Trancezustand, der alle sinnlichen Wahrnehmungen verstärkte. Er schrak auf, als der Motor von Pen2's Kühltruhe den Betrieb aufnahm.
Die kurze Zeit klaren Verstandes, die ihm damit geschenkt wurde, nutzte er, um zurück in sein Zimmer zu gehen. Dort angekommen, holte ihn die Welle wieder ein. Alles schien irgendwie
falsch. Trotz des grauen Zwielichtes im Zimmer dachte er, alle Farben wahrnehmen zu können. Dann begann sich das Bild zu verzerren, Schlieren zogen über seine Pupillen.
Plötzlich kam ihm daß Zirpen der Zikaden wieder in den Sinn, unglaublich laut und trotzdem irreal dumpf, wie durch einen dicken Leinenvorhang.
Er preßte seine Fäuste so fest zusammen, daß die Fingernägel auf den Handinnenflächen zu schmerzen begannen.
Doch er war dankbar für diesen Schmerz, da er ihn zurück in die Wirklichkeit holte.
<Verdammt.>
Wieder im Bett setzte er die Kopfhörer auf, um der Müdigkeit nicht vollkommen schutzlos ausgeliefert zu sein. Doch auch das half nur für kurze Zeit; schließlich wog ihn
"Little Wing" langsam in den Schlaf ...
Er träumte. Er wußte es. Aber im Gegensatz zu all den anderen Träumen, die er bisher erlebt hatte, wachte er nicht auf, als ihm diese Tatsache bewußt wurde.
Undurchdringliche Dunkelheit hüllte ihn ein. Er befand sich in einer Ebene aus schwarzem Glas, flach und poliert, so daß sich sein Körper wie ein verzerrter Schatten in ihrer
glatten Oberfläche spiegelte. Er hatte auf dem Rücken gelegen, als er erwacht war. Eigentlich hätte er als erstes den Himmel sehen müssen, aber es gab keinen.
Schließlich stand er auf, drehte sich einmal um die seine Achse und ging mit langsamen Schritten los. Die Richtung spielte keine Rolle, weil es keine Richtung gab. Er ging, aber er
wußte nicht, ob er sich wirklich von der Stelle bewegte. In seiner Umgebung war nichts, woran er sich orientieren konnte. Die Ebene verlor sich in der Unendlichkeit; es gab keinen
Horizont. Vielleicht würde er Tage um Tage laufen können, ohne wirklich von der Stelle zu kommen. Bewegung war Illusion, wenn es keinen Ort gab, zu dem man gehen konnte.
Als ihm dieser Gedanke kam, blieb er stehen. Wind kam auf, gefolgt von einer großen, schwarzen Leere; einer Leere ganz anderer Art, als er sie bisher gekannt hatte. Bisher war ihm Leere
immer als Abwesenheit von Menschen oder Licht oder Geräuschen, als daß Nichtvorhandensein bestimmter, vielleicht aller Dinge begegnet. Diese Leere war anders: stofflich und existent.
Ein großes, unsichtbares und schweigendes
Ding, daß dort, wo es war, alles andere verdrängte.
Er stöhnte. Das Geräusch verhallte nicht wie gewohnt, sondern brach sich irgendwo in der Unendlichkeit; kam vielfach verzerrt zurück; hüllte ihn in einen Mantel aus
hallenden, kichernden Echos und wuchs zu einem ohrenbetäubenden Dröhnen heran, bis es unendlich langsam verklang.
Lange Zeit saß er regungslos da, schweigend und ängstlich darum bemüht, nicht das geringste Geräusch zu verursachen. Dann stand er auf, sah sich hilflos um und ging weiter.
Vielleicht ging er auch nicht, sondern bewegte nur die Beine, und die Ebene glitt unter ihm weg. Es blieb sich gleich.
Irgendwann tauchte Etwas vor (?) ihm auf. Er nährte sich vorsichtig und erkannte einen Jungen, der genauso aussah wie er, auf einem Stuhl sitzen; daneben Stand Gendo Ikari.
Von einem undefinierbaren Punkt aus dem Nichts drang der Lichtstrahl. Plötzlich war
er der geblendete Junge auf dem Stuhl, der unvermittelt und ohne
seinen Willen zu sprechen begann.
"Otousan, warum verbietest du es ihr?"
"Was?" - der Mann sprach mit einem kalten Lächeln.
"Du weißt ganz genau, was ich meine! Warum tust du ihr
das an!?
"Warum willst du das wissen?" - die Aufregung des Jungen beunruhigte ihn nicht im geringsten.
<Weil ich mir nun mal Sorgen um sie mache.>
"Sorgen. So."
Der Junge erschrak. Es brauchte einige Sekunden, bis er merkte, daß er seine letzten Gedanken laut ausgesprochen hatte.
Sein Gesicht rötete sich.
<Ich darf nicht weglaufen, ich darf nicht ... >
"Du bist der Einzige, dem sie vertraut. Verdammt Otousan, warum weichst du mir aus!?"
Die Umrisse des Manns wurden undeutlich, verschwammen ... er schien wie Lava zu zerfließen ... die Form stabilisierte sich wieder, gab ein eisiges Lächeln preis, um danach zu Staub
zu zerfallen.
"Otousan!!!"
Ende
Nachwort:
"Warum hört der Baka ausgerechnet an der Stelle auf???"
Tja, künstlerische Freiheit :) ...
Ihr dürftet bemerkt haben, daß der offene Ausgang förmlich nach einer Fortsetzung schreit, welche ich zunächst auch schreiben wollte ... aber dann kam mir der Gedanke, an
der Stelle einfach Schluß zu machen! Ist doch viel genialer, als in einem mühsam zusammengeklimperten 2. Teil die Auflösung der ganzen aufgestellten Fragen und Rätsel
für die ganz Besch...ränkten zu offerieren! Also benutzt eure Phantasie und macht euch selber mal Gedanken dazu.
Ach so, oben hab' ich geschrieben, daß ich Kaji ähnlich sehe ... naja, hier eine Skizze (von mir) von mir:

An der Stelle danke ich besonders Ayumi Ikari und SEELE als Rezensenten sowie unserm Markus Webmaster für die Veröffentlichung.
Fragen? Drohbriefe (hallo Asukafans und Ventile)?
E-Mail an Typhlops@gmx.de
Copyright 2001 by René Köhler