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Aus der Dunkelheit

geschrieben von Ulrich-Alexander Schmidt

Ich stehe neben ihrem Bett und weiß nicht, was ich sagen soll.
Dabei muß ich nichts sagen, denn niemand würde mich hören.

Ich blicke in ihr schlafendes Gesicht, so bleich, so leblos, so schön.
Ihr wunderschönes Gesicht ist umrahmt von Haar, so blau wie der klare Himmel,
oder das ruhige Meer.
In ihrer Nase steckt ein dünner Schlauch, ebenso in ihrem Mund, in ihrem linken Arm,
der auf der dünnen Decke liegt, befindet sich eine Infusionsnadel, über welche Nährstoffe
in ihr Blut gelangen. Dazu kommen zahlreiche weitere Kabel, welche eine Manschette um
ihr Handgelenk mit den Überwachungsmonitoren verbinden.

Seit über vier Wochen befindet sie sich nun in diesem Zustand, seit dem Tag,
an dem Zeruel in die Geofront eingedrungen ist.

Ich erinnere mich, wie oft sie mich beschützt hat. Doch als sie mich brauchte,
da war ich nicht da...
Ich habe beobachtet, wie sie den Engel mit EVA-00 angegriffen hatte, wie sie die N2-Bombe durch das AT-Feld des Eindringlings geschoben hatte, wie sie sich für uns opfern wollte...
Sie hat nur knapp überlebt, doch ist das noch ein Leben?
Seit über vier Wochen liegt sie so da, regungslos, mit geschlossenen Augen.

Wieviel würde ich dafür geben, wieder in ihre roten Augen blicken zu können,
wieder ihre Stimme zu hören, egal, ob monoton oder mit einem Anflug von Emotionen.
Ich erinnere mich an den Moment, als sie mich voller Zorn angeblickt hatte,
weil ich an meinem Vater gezweifelt hatte.
Ich erinnere mich an den Ausdruck von Einsamkeit in ihren Augen, damals auf dem Berg,
ehe wir gegen Ramiel angetreten sind.
Ich erinnere mich an ihr Lächeln... vor allem an ihr Lächeln...

Wie oft hat sie mich beschützt...
Und als sie mich brauchte, war ich nicht da...

Dunkel erinnere ich mich an meine Zeit in EVA-01.
Ich erinnere mich, Misatos Stimme gehört zu haben, wie sie jeden Tag zu mir gesprochen hatte, erinnere mich, daß sie von Rei gesprochen hatte.

Ich wünschte, ich könnte es mit Bestimmtheit sagen, ob diese Worte es waren,
die mich zur Rückkehr veranlaßt haben...

Seit zwei Tagen bin ich zurück, seit zwei Tagen wache ich an ihrem Bett, ihrem Krankenlager, solange die Ärzte und Schwestern es zulassen, so wie sie über mich gewacht hat...
nach meiner ersten Begegnung mit Ramiel, nach der Rückkehr aus Zervels Dirac´schen Meer... Und ich wünsche mir nichts sehnlicheres, als daß sie aufwacht.

Mit jedem Tag verfällt sie etwas mehr, verliert sie mehr an Kraft.
Die Ärzte sagen, daß mit jedem Tag ihre Chancen aufzuwachen geringer werden.
Vielleicht lassen sie mich nur deshalb auch außerhalb der Besuchszeiten zu ihr,
weil auch sie auf ein Wunder hoffen.

Ich habe nicht geschlafen, nicht gegessen, ihr Gesicht ist ständig vor meinen Augen.

Es gibt so vieles, was ich ihr noch sagen möchte...

Wie sehr ich ihr Lächeln mag...
Wieviel Kraft ich aus ihrer Gegenwart ziehe und wieviel innere Ruhe...
Daß ich ihre Gegenwart nicht missen möchte, egal, ob sie wütend auf mich ist,
oder mich ignoriert...
Daß ich stets glaube, spüren zu können, wenn sie mich im Unterricht ansieht, wenn sie meint,
daß ich es nicht merke...
Daß ich sie vermisse...
Wieviel sie mir bedeutet...
Daß es mir wehtut, sie so zu sehen...
Daß ich mich nur in ihrer Nähe komplett fühle, daß sie mich den Zorn und inneren Schmerz vergessen läßt...
Daß ich nicht mehr ohne sie sein kann...
Daß...
ich...
sie...
liebe...

Die Erkenntnis kommt wie ein Schlag.

Mein Herz schlägt schneller.

Ja, es ist wahr...
Ich liebe sie...

Es ist Wahrheit...

"Rei..." ich flüstere ihren Namen.
In meinen Augen stehen Tränen, nicht zum ersten Mal in den letzten Stunden, doch jetzt weiß ich endlich, weshalb.

Ich muß es ihr sagen...
Vielleicht habe ich nie wieder die Chance...
Aber...
Sie kann mich nicht hören...
Ich...
Was soll ich nur tun...

Schweigen, ja...

Selbst wenn sie mich hören könnte, sie könnte mir nicht antworten...

Und wenn doch...

Wenn sie meine Gefühle nicht erwidert?
Wenn sie mich zurückweist, mein Herz nimmt und zerbricht?

Ich will nicht wieder verletzt werden, will nicht das Leid einer Zurückweisung erfahren...

Ich weiß nicht einmal, ob sie mich mag, oder ob sie mich nur beschützt hat, weil man es ihr befohlen hatte.

Sie würde nicht über mich und meine Gefühle lachen, nein, so ist sie nicht,
dennoch weiß ich, daß eine Zurückweisung mein Herz brechen würde, denn in zurückgewiesener Liebe liegt kein Glück, keine Freunde...

Schweigen, ja, ich kann schweigen, dem Schmerz aus dem Weg gehen.

Doch ich würde nie erfahren, ob sie meine Gefühle erwidert, was sie für mich empfindet...

Die Worte auszusprechen, kann Schmerz bringen...
Doch zu Schweigen bringt nur Ungewißheit... und Bedauern...

Ich beuge mich vor, nehme sanft ihre rechte Hand, hebe sie ein kleines Stück von der Decke.
Ihre Haut ist kalt.

Angst erfüllt mein Herz.
Ein Blick auf die Monitore zeigt mir, daß sie noch atmet, daß ihr Herz noch schlägt,
beides nur langsam, doch sie lebt.

Ich scheue mich, ihre schmale Hand zu drücken, so schmal, so zart...

Die Zimmertür wird geöffnet, eine Schwester kommt hinein.

Warum jetzt?

Sie sieht mich mit einer Mischung aus Traurigkeit und Professionalität an, schüttelt den Kopf.
Die Besuchszeit sei abgelaufen, ich sähe müde aus, solle nach Hause gehen.

Auf mein Bitten gibt sie mir noch fünf Minuten, verläßt das Zimmer wieder.

Ich schlucke, sammele allen Mut.

"Rei... ich weiß nicht, ob du mich hören kannst... aber, ich muß es dir sagen...
ich kann nicht anders, mein Herz befiehlt es mir... Ich liebe dich... Rei, bitte,
wenn du mich hören kannst, dann drücke meine Hand, nur ein wenig, bitte... Rei,
ich liebe dich, hörst du?"

Ich warte und hoffe, doch eine Reaktion kommt nicht, ihre Hand ist schlaff und
kalt...

Ich schließe die Augen, lasse ihre Hand auf die Decke zurücksinken.

"Rei, ich komme morgen wieder, gleich in der Frühe. Ich würde gerne jetzt noch hier
bleiben, aber die Schwester sagt, daß ich gehen soll. Ich komme wieder... ich lasse
dich nicht allein... wenn du da bist, habe ich nichts zu befürchten, du hast mich
immer beschützt... auch deshalb liebe ich dich... jetzt werde ich über dich wachen.
Ich will für dich dasein... ich werde für dich dasein, wenn du mich läßt..."

Wieder muß ich schlucken.

Eine dicke Träne läuft über meine Wange, fällt auf ihre Hand, noch ehe ich etwas
tun kann.

"Rei, ich komme bald wieder..."

Mit nach vorn gesunkenen Schultern schlurfe ich aus dem Raum, fühle mich kraftlos und leer.
Aber ich habe es ihr gesagt...

An der Tür blicke ich noch einmal zurück auf das bleiche Mädchen mit dem blauen Haar,
wünsche mir, mit ihr den Platz tauschen zu können, denn eigentlich ist es meine Aufgabe,
auf diesem Bett zu liegen und von ihr bewacht zu werden...

Ohne weitere Worte gehe ich, schlurfe langsam den Gang hinab.

Kaum daß ich den Raum verlassen habe, betritt ihn die Krankenschwester von vorhin.

* * *


Sie schwebt mitten im Nichts, mitten in der Dunkelheit.

Es gibt einen Boden, keine Decke, keine Wände, nur ein schwaches Licht weit in der Ferne.

Sie weiß nicht, wie lange sie schon an diesem Ort ist, erinnert sich dunkel daran,
den Engel namens Zeruel mit einer N2-Mine angegriffen zu haben.

Es ist still.

Der Ort ist leise, voller Frieden...

Es gibt keinen Schmerz, keine Tränen, kein Bedauern...

Keine Befehle zu befolgen, keine Existenz, die bereits seit der Geburt vorherbestimmt ist, niemanden, der sie zu manipulieren versucht...

Es gibt nur die Dunkelheit und das Licht...

Sie kann nicht sagen, woher sie es weiß, doch das Licht kommt näher, oder vielleicht nähert auch sie sich dem Licht.

Das Licht verspricht ewigen Frieden, etwas, wonach sie sich sehnt.

Und doch...

Da ist etwas, was sie bedauert...

Etwas, was ihr in ihrer Existenz gefehlt hat...

Plötzlich spürt sie, daß sie nicht mehr allein ist, glaubt, die Nähe eines anderen Menschen wahrzunehmen.

Doch nichts geschieht.

Allein in der Dunkelheit kommt sie langsam zu der Überzeugung, einer Einbildung zum Opfer gefallen zu sein, niemand ist bei ihr.

Dann glaubt sie, eine Berührung zu spüren, als ob jemand ihre Hand nehmen würde.

Verwundert blickt sie auf ihre Hand, stellt fest, das diese fast durchscheinend ist.
Und sie hört eine ferne Stimme, kann zwar die Worte nicht verstehen, wohl aber die
Gefühle, die in ihnen mitschwingen.

<Shinji... Wo bist du? Was sagst du? Deine Worte, ich verstehe dich nicht, du bist so weit weg... Bitte, sprich lauter... ich möchte verstehen, was du sagst, es klingt so wichtig... so voller Liebe...>

Verwirrt sieht sie sich um, findet nur die allgegenwärtige Dunkelheit.

<Was will er? Es ist so friedlich hier...>

Das Licht lockt sie, ruft sie...

Vergessen...

Vergehen...

Ihr ganzes Leben lang hat sie sich nichts anderes gewünscht, nichts anderes, als endlich Frieden zu finden...

Und doch...

Es gibt noch etwas, wonach sie sich gesehnt hat...

Liebe...

Zuerst die Liebe von Eltern, der Wunsch, in den Arm genommen zu werden, der Wunsch,
gelobt zu werden, der Wunsch, ganz normal zu sein...

Und später...

Seine Worte haben etwas in ihr berührt. Sie verspürt den Wunsch, zu erfahren, was er ihr gesagt hat...

Ein letztes Mal blickt sie in Richtung des Lichtes, ehe sie sich herumwirft und sich den Weg durch die Dunkelheit freizukämpfen beginnt...

* * *


Hinter mir erklingen rasche Schritte, als ich fast den Ausgang erreicht habe.

"Shinji Ikari, das bist du doch, oder?"
Es ist die Schwester von vorhin, sie ist außer Atem, als ob sie schnell gelaufen wäre.

Ich nicke stumm. Was will sie von mir?

Sollte etwa...

Sollte etwas mit Rei geschehen sein?

"Das Mädchen, über das du gewacht hast... sie ist zu sich gekommen, gerade eben.
Der Doktor hat mir gesagt, ich soll dich holen."

Sie hat noch nicht ausgesprochen, da laufe ich schon los, an ihr vorbei, die Hinweisschilder, welche das Laufen auf den Gängen untersagen, ignorierend.

Sie ist wach!

Rei ist zurück!

Mein Herz rast. Ich habe die Chance erhalten, um die ich gebetet habe, die Chance,
ihr zu sagen, was ich für sie fühle.

An der Tür steht der Arzt, er lächelt, nickt mir zu.
"Geh zu ihr, Junge, sag es ihr."

Ich bleibe abrupt stehen, starre ihn an.

Er zwinkert.
"Ich war auch einmal jung, es steht dir ins Gesicht geschrieben. Dein Name war das erste Wort von ihr nach dem Extubieren."

Ich atme schneller, während er den Weg freigibt, mich in den Raum schiebt und die Tür hinter mir schließt.

"Fünf Minuten", sagt er noch.

Langsam trete ich an ihr Bett, es sind nur zwei Schritte, doch jeder stellt eine
unendliche Entfernung dar.

Rei sitzt in ihrem Bett, die Rückenlehne ist hochgestellt.

Sie ist immer noch so beängstigend bleich, doch sie sieht mir aus ihren roten Augen entgegen.

Ich möchte auf die Knie fallen und den höheren Mächten danken, doch dazu habe ich nicht die Zeit. Stattdessen kommen die Tränen, ohne daß ich sie zurückhalten kann.

"Ikari-kun, was ist mit dir?" fragt sie leise. "Warum weinst du?"
Es ist wie nach dem Kampf gegen Ramiel. Auch damals habe ich geweint, als ich sah,
daß sie lebte, auch damals hat sie mich gefragt, was mit mir sei.

"Ich weine, weil ich mich für dich freue, weil du lebst."
Meine Knie sind schwach, ich habe kaum noch Kraft, jetzt rächt es sich, daß ich weder
gegessen, noch geschlafen habe.
"Und... weil ich jetzt die Möglichkeit habe, dir zu sagen, was ich fühle... Bitte,
laß mich ausreden, ehe du etwas sagst, laß mich einfach sprechen...
Ich weine, weil ich dich liebe. Ich liebe dich so sehr, daß ich Angst habe, Angst,
ich könnte eines Tages in einer Welt ohne dich erwachen. Ich fühle so schon so lange,
wollte so lange schon deine Hand in der meinen halten... doch ich hatte Furcht,
Furcht, vor dem, was du sagen könntest. Doch ich muß es dir sagen... Ich liebe dich,
liebe dich mit jeder Faser meines Herzens... Bitte, sage, daß auch du mich liebst,
mit derselben Stärke, der gleichen Kraft... doch, wenn nicht, dann werde ich es
verstehen... und es akzeptieren..."

Mir ist, als hätte ich all dies ausgesprochen, ohne zwischendurch Atem zu holen.
Endlich verstumme ich, weiß nicht mehr, was ich ihr noch sagen kann, höre einen Moment lang nur das heftige Klopfen meines Herzens.

Doch ich bereue nicht, es ihr gesagt zu haben.

Mein Herz liegt in ihren Händen...

Sie sieht mich nur an, dann öffnet sie den Mund zur Antwort.

"Ikari-kun... Shinji... ich liebe dich auch... mit der ganzen Kraft meines Herzens.
Ich war schon fast fort, als deine Stimme, deine Liebe mich zurückrufen haben, als
ich plötzlich wußte, daß es etwas... jemanden gab, zu dem ich zurückkehren mußte...
Deine Worte ließen mich etwas spüren, was ich nie zuvor gefühlt habe. Ich mußte
aus der Finsternis zurückkehren... mußte dir sagen, daß du niemals allein sein
wirst, daß ich immer da sein werde...
Doch du warst schon fort... und so bat ich den Doktor, dich holen zu lassen, damit
ich dir sagen kann, daß meine Gefühle für dich stark und klar sind, daß ich nicht
will, daß du gehst... Mein Leben ist traurig und kalt, weil es niemanden gibt, der
mich hält...
Ich liebe dich... und du sagst, daß du mich liebst... ich möchte bei dir sein, mit
dir zusammen sein, solange es uns möglich ist..."

Und wieder weine ich, weine ich Tränen von Freude.

Ich habe nichts zu befürchten, hatte nie etwas zu befürchten.

Erst nehme ich ihre Hand, streiche über ihre Haut, dann nehme ich sie in den Arm,
erst sanft aus Furcht, sie könnte zerbrechen, als könnte all dies sich als Traum
erweisen, schließlich drücke ich sie an mich, flüstere ihren Namen.

Von der Tür kommt ein leises Räuspern, mit dem der Arzt mich daran erinnert, daß
meine Zeit um ist.

"Rei, ich muß gehen, aber morgen bin ich wieder hier, in aller Frühe, dir wird
kaum auffallen, daß ich fort war."

"Ich warte auf dich."

Noch einmal drücke ich sie fest, dann, wie auf ein geheimes Kommando, treffen sich
unsere Lippen zu einem zärtlichen Kuß, unseren ersten Kuß, den ersten von hoffent-
lich vielen.

Ein Gefühl von Freude, von Glück erfüllt mich, als ich den Raum verlasse.

Noch einmal blicke ich zurück, sehe in ihren roten Augen dieselbe Liebe, welche
ich verspüre.

Und morgen wird mein Leben, werden unsere Leben neu beginnen...

Copyright of the Charakter by GAINAX / Text by Ulrich-Alexander Schmidt